IN HER SHOES

Kennt ihr den Film mit dem Titel „In den Schuhen meiner Schwester“? Camoron Diaz als Hauptdarstellerin bedient sich dort des Öftern ungefragt an den Schuhen Ihrer Filmschwester Toni Collette. Die beiden Schwestern verkrachen sich, erst wegen der Lebensführung von Maggie (Camoron Diaz) und vollends, nachdem diese sich dann auch noch Rose’s (Toni Collett’s) Liebhaber „ausleiht“. Maggie macht ihren Weg dann, geführt durch ihre Grossmutter und – wie in Hollywood so üblich – gibt es natürlich ein versöhnliches Happy End.

Gestern war ich ebenfalls in fremden Schuhen unterwegs. Das heisst, so stimmt das nicht ganz. Denn ich habe sie mir nicht ohne zu Fragen genommen, sondern sie geschenkt bekommen. Genau genommen sind es nun also meine Schuhe. Sie sind nicht neu, will sagen, sie wurden schon von einer anderen Frau getragen. Als ich sie mir dann anzog und nach Feierabend in Richtung meines Autos lief, kam mir unweigerlich der obige Filmtitel in den Sinn. Weniger wegen der Schwestern, denn ich habe selbst keine. Dafür wundervolle Brüder, die aber in der Regel keine Schuhe dieser Art tragen *schmunzel*. Viel mehr fing ich an, mir darüber Gedanken zu machen, was meine Vorgängerin wohl alles in diesen Schuhen erlebt hat und warum sie sich diese Schuhe gekauft hat. Haben sie ihr einfach gut gefallen, brauchte sie diese passend zu einem speziellen Outfit, war es ein ungeplanter Spontankauf? War sie damit auf einer Party, an einer Taufe, zu einer Hochzeit, bei der Arbeit oder trug sie sie für den Kinobesuch? Hat sie vielleicht einen tollen Menschen kennengelernt, als sie die Schuhe trug, einen Erfolg im Beruf erlebt oder eine schlechte Neuigkeit erfahren? Und warum hat sie sich nun davon getrennt? Weil sie Platz für Neues braucht, weil sie sie nicht so gerne trägt, weil ihr die Farbe doch nicht gefällt?

Und das Spannende dabei ist, dass ich diese Person eigentlich kenne. Ich weiss wer sie ist, was sie für einen Beruf ausübt, kenne ihren Partner, ihre Familie und weiss, was sie gerne mag. Und dennoch könnte ich nur sehr wenige der obigen Fragen beantworten. Und schon gar nicht mit Bestimmtheit. Nicht, dass es nun von immenser Wichtigkeit wäre oder etwas über unsere Beziehung aussagen würde, ob ich nun weiss, wieso und warum und zu welchem Anlass sie welche Schuhe getragen hat. Es ist sinnbildlich gemeint.

Wie oft machen wir uns alle ein Bild von jemand anderem, die oder den wir meinen zu kennen oder schlimmer noch, den oder die wir wirklich nicht kennen? Wobei kennnen oder nicht kennen eigentlich gar keinen Unterschied macht. Wie oft tun wir dabei unrecht, verurteilen oder bedienen uns an gängigen Vorurteilen oder gesellschaftlich anerkannten (Schönheits-)bildern. Wie oft verletzen wir, wenn wir denn auch noch meinen das Recht zu haben, unsere Meinung ungefragt kund tun zu dürfen?

Nein einfach ist das nicht und wie es so schön heisst „die Gedanken sind frei“. Und so soll es ja auch sein. Kein Mensch sollte sich meines Erachtens wegen seiner Gedanken – mögen diese auch noch so abgrundtief scheusslich sein – schlecht fühlen. Es sind Gedanken, nicht mehr und nicht weniger. Ich frage mich nur manchmal, woher kommen genau diese Gedanken, wurden sie uns ansozialisiert, stammen sie aus unseren gemachten Erfahrungen, von dem, was wir in unserem eigenen Leben erlebt haben. Wohl einer Mischung aus vielem. Und warum ist umdenken so schwer, das Loslassen alter Denkmuster. Selbst dann, wenn wir es selbst wollen.

Vor ein paar Jahren, es war Winter, traf ich jeden Tag einen obdachlosen, älteren Mann an. Er sass jeden Morgen am selben Platz auf der Treppe zum Parkhaus, wo ich mein Auto abstellte um Arbeiten zu gehen. Ich war meistens vor halb sieben Uhr dort und ziemlich alleine zu dieser Uhrzeit. Beim ersten Mal bin ich erschrocken, hatte Angst und war schon im Begriff, umzudrehen. Nach ein paar Tagen grüssten wir uns gegenseitig, ich erwartete seine Anwesenheit schon und wechselte sogar ab und an ein paar Worte mit ihm, die über einen morgendlichen Gruss hinausgingen. War er nicht da, fragte ich mich, ob wohl alles in Ordnung sei bei ihm. Er hatte beim genauen Hinschauen nichts Bedrohliches an sich. Er war einfach nur obdachlos.

Viele halten denn auch nicht hinterm Berg mit ihren Gedanken, die zu einer Meinung werden und die wiederum für diejenigen unerschütterliche Wahrheit bedeutet. Vorurteile zu haben oder sich an gängigen Vorgaben der Gesellschaft zu bedienen ist nicht per se schlimm, finde ich. Es ist vielleicht sogar menschlich. Manchmal ist es auch sehr schwierig, selbst mit sich und diesen „Vorgaben“ umzugehen. Gerade wenn man selbst nicht ins allgemein anerkannte Bild passt, es aber gerne würde oder meint, es zu müssen. Auch das ist menschlich. Wie wir jedoch damit umgehen – uns selbst und anderen gegenüber, ob wir hinterfragen, reflektieren und auch dazu bereit sind, Gedanken, Meinungen und Wahrheiten zu überdenken – dafür sind wir alle selbst verantwortlich. Genauso wie ein erwachsener Mensch dafür verantwortlich ist, wenn er jemand anderen kränkt, ihn oder sie mit seinen Wahrheiten verletzt. Denn es sind seine Wahrheiten, die oftmals vielleicht sogar aus den eigenen Nöten und emotionalen Baustellen heraus entstehen und damit seine Grenzen abstecken. Nicht die des oder der anderen.

Urteile nicht über mich, bevor du nicht meinen Weg, in meinen Schuhen gegangen bist. 

(Autor/in unbekannt)

Etwas, das wir uns ab und an in Erinnerung rufen müssen, wenn unsere Gedanken zu mehr als Gedanken werden und wir dazu verleitet sind, uns ein vorschnelles Urteil zu bilden. Selbst wenn es uns nicht immer gelingt, ist das nicht tragisch. Solange wir dafür die Verantwortung übernehmen und sie nicht auf andere übertragen. Finde ich jedenfalls.

Auch wenn ich nun in den Schuhen einer anderen Frau gehe, gehe ich dennoch nicht ihren Weg. Es bleiben viele der oben gestellten Fragen trotzdem offen . . .

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