GP von Bern: die schönsten 10 Meilen der Welt oder doch eher mein Desaster von Bern?

Wie frau‘s nimmt. Vorgestellt hatte ich mir das ursprünglich ja mal ganz anders. Das Jahr 2017 war dazu auserkoren, mein Laufjahr zu werden. Der GP das grosse, glänzende und mit Glitzer bestreute Highlight für mich, mit seinen gut 16 Kilometern. So der Plan. In der Theorie. Wie ich jetzt weiss, ist die Praxis ein bizi anders gekommen.

Schon die Vorbereitung für den Grand-Prix von Bern lief schlussendlich anders als gedacht. Eine fiese Muskelverletzung in der linken Hüfte hat mir 4 Wochen vor dem Start einen Strich durch die Rechnung gemacht. Zwei Wochen vor dem Start musste ich deshalb ganz auf’s Training verzichten. Ja, danke auch. Immerhin konnte mir meine Ärztin versichern, dass es nur ein muskuläres Problem und nichts mit den Gelenken ist und ich so starten darf. Es aber eben ruhig anzugehen und davor und danach gründlich für Erholung (sprich kein Training) zu sorgen, das riet sie mir.

Wie immer bei Läufen, hatte ich meine drei Zeiten im Kopf. Unbedingt schaffen wollte ich es in 1.45h, toll wäre es gewesen, mit 1.40 ins Ziel zu kommen und mit 1.37h – meiner Zeit vom letzten Jahr – wäre ich aufgrund der Umstände schon überglücklich gewesen. Obwohl das eigentliche Ziel für dieses Jahr ursprünglich mal bei um die 1.30h gewesen wäre. Naja . . .

Um meinen Fehler vom letzten Jahr – ungenügende Verpflegung – nicht zu wiederholen, frühstückte ich Müesli und weisses Brot. Zum Zmittag folgte noch eine Portion Teigwaren und bis zum Start um 16.40h viel Wasser. Die Verpflegung während des Laufes habe ich im Training getestet und den dafür notwendigen Riegel eingepackt. Die Strecke bin ich mehrfach im Kopf durchgegangen, habe sie mir in Abschnitte eingeteilt und mir die Verpflegungsstrategie zu Recht gelegt.

Meine schlimmste Phase ist immer der Anfang. Der Moment, in dem mich viele überholen, die Nervosität zunimmt und es einen Moment dauert, bis ich dann meinen Rhythmus gefunden habe. Bei Kilometer 5 – 7 habe ich oft ein Tief, wonach ich dann aber ab Kilometer 8 bis 9 meistens richtig angekommen bin und aufdrehen kann. In Bern fällt zudem der Teil der Strecke, der mir am wenigsten gefällt direkt mit meinem Tiefpunkt zusammen. Im Wissen darum habe ich mich darauf vorbereitet. Wenn dieser Moment überwunden sein würde – so meine Idee – würde der Rest, mit diesmal ausreichender Verpflegung, gut machbar sein.

Der erste Teil der Strecke funktionierte denn auch wie geplant. Die Elite-Läuferinnen und -läufer kreuzten uns am Aargauerstalden – auch dieses Mal ein „Hienerhut-Erläbnis“. Die 5-Kilometermarke passierte ich mit 29 Minuten, in meinem Zeitplan. Allerdings bereits mit Schmerzen der Muskulatur im Hüftbereich, die leider schon ab Kilometer 3 einzusetzen begonnen haben *suboptimal*. Bei Kilometer 6 bekam ich Probleme mit der Atmung und Schmerzen in den Füssen – trotz guten Einlaufens waren meine Schuhe leider keine gute Wahl. Die Verpflegung hätte im Tierpark bei ca. Kilometer 8.5 erfolgen sollen. Allerdings bin ich an dem ersten Bissen meines Riegels – zu dem ich mich sowieso überwinden musste – beinahe erstickt, sodass ich mich entschieden habe, ohne Verpflegung weiter zu laufen. Alleine das Kauen dieses einen, kleinen Stückes dieses Riegels hat mich unendlich Kraft gekostet und meine Atmung zusätzlich erschwert. Unerprobt, aber aus der Not heraus und vor lauter Angst, mir könnte die Energie wieder ausgehen habe ich mich dann am nächsten Verpflegungsposten für ein isotonisches Getränk anstelle des Wassers entschieden. No risk no fun, oder wie ist das?

Die Zuschauer und Zuschauerinnen an der Strecke waren grandios und es ist allen hoch anzurechnen, dass sie dabei sind und damit unterstützen. Wahrscheinlich macht das den Event mit zu dem, was er eben ist. Auch der Zuruf vom Strassenrand „jaaaa, ihr heid Kilometer 9 gschafft“ war mega! Bis das Kilometer-9-Schild erst etwa 500 Meter später kam. Und ja, wenn frau bereits auf dem Zahnfleisch läuft, dann sind 500 Meter viel. Besonders in Anbetracht dessen, dass bis ins Ziel noch immer über 7 Kilometer zurückzulegen sind. Was zum nächsten Gedanken führte, dass es eher nicht so gäbig sein dürfte, wenn ich bei einem 10-Meilen-Lauf schon bei Kilometer 9 Probleme mit 500 Metern zu haben bekomme *jetzt-nur-nicht-mental-durchdrehen*.

Item. Meine Zehen spürte ich nicht mehr *scheiss-schuhe-die-schmeisse-ich-weg-im-ziel-mit-anlauf*. Nein falsch, die Blasen, die sich langsam zu bilden begonnen haben spürte ich überall an den Füssen. Oh ja. Und zudem auch meinen Magen-Darm-Trakt. Ja, ganz toll, wirklich! Ich, die ich immer mit Verstopfung zu kämpfen habe merke kurz vor Kilometer 10, dass sich da was tut, das mit Verstopfung ganz und gar nichts zu tun haben würde.

OBERKACKE (im wahrsten Sinne des Wortes). Was sollte ich tun? Gut, slow down. Ruhe bewahren -> Info an Schatz „ehm du, ich glaube, ich brauche bei Gelegenheit eine Toilette sonst sch***** ich mir in meine Tight“. Schatz wollte sofort jemanden am Strassenrand nach einer Toilette fragen, dann wurde es besser. Also weiter. Für einen kurzen Moment. Dann: kalter Schweiss, schwere Beine, Schmerzen überall, abrupter Stopp. Fertig! Wir stellten uns an den Rand, ein Kandelaber gab mir Halt. Nein, NEIN! Das darf’s nicht gewesen sein! Ein Helfer eilte herbei. Gedankenwirrwarr im Kopf! Ok, reiss dich zusammen. Weiter oder Ende? Noch kann ich, ich kann und ich will und ich werde!

Die 10-Kilometermarke passierte ich bei 1.01h, schon gut 3 Minuten über der angedachten Zeit. Die Beine schwer wie Blei, blockiert, jeder Schritt wurde zum Kampf gegen meinen Körper und zur Gratwanderung zwischen möglich und unmöglich.

Zurück in Bern’s Altstadt wurde klar, jetzt muss definitiv und ohne jeden Zweifel eine Toilette her. Und zwar schnell. Die erste Bar war gewählt. Ich stürmte hinein, fragte den Barkeeper, wo sich die Toiletten befänden. Er sah hoch, sah mich an und verwies umgehend auf den ersten Stock *nein-noch-eine-typische-altbau-treppe-hoch-mit-den-beinen-heul*. Den Zugangscode rief er mir hinterher, als ich schon – mit Kräften keine Ahnung woher – die Treppe hoch eilte.

Den Tränen nah vor Erschöpfung, vor Enttäuschung, vor Wut überlegte ich mir sitzend auf dieser Toilette kurz, aufzugeben. Die Schmerzen und Anforderungen dieses Laufes erinnerten mich stückweise an die Ausdauer, die auch unter den Geburten meiner Söhne nötig war. Draussen wartete Schatz auf mich. Die Treppe herunter lief ich gestützt an das Geländer, mit Beinen wie aus Gummi und zitterndem Körper.

Dennoch, das Ziel lag jetzt nahe und immerhin hatte ich es bis hierhin geschafft. Also, ohne gross darüber nachzudenken reihten wir uns wieder in die Laufenden ein und irgendwoher kam nochmal ein Energieboost. Schatz hielt mich dann zurück und schlug vor, ein kurzes Stück vor dem Aargauerstalden (letzter, aber einigermassen heftiger Anstieg kurz vor dem Ziel) zu gehen. Das taten wir dann auch.

Am letzten Verpflegungsposten trank ich nochmals ein paar kleine Schlucke vom isotonischen Getränk, bevor wir im wahrsten Sinne zum Schlussspurt ansetzten. Woher diese Kraft erneut kam, ist mir unerklärlich oder dieses Isostar wirklich ein Wundermittel. Ja, schnell wäre anders gewesen. Aber wir passierten die Ziellinie rennend bei 1.49h.

Völlig unerwartet war ich nicht gefrustet. Ja enttäuscht, aber die Wut, die ich während des Laufes verspürte war plötzlich weg. Es ist natürlich ärgerlich, aber ganz objektiv betrachtet nicht wirklich verwunderlich. Ich wusste zum Vornherein, dass es dieses Mal einigermassen schwierig werden könnte. Wollte es einfach nur nicht wahrhaben. Gut, die Magen-Darm-Geschichte und das mit den Füssen wäre nicht nötig gewesen, aber die Einschränkung durch die Muskelverletzung, damit habe ich rechnen müssen.

Gelernt habe ich durch diesen Lauf sehr viel. Über mich selbst. Das Erreichen der Wunschzeit wäre natürlich toll gewesen und hätte mich stolz gemacht. Es wäre einfach schön gewesen und eine Belohnung, für die Anstrengungen des Trainings und des Laufes.

So musste ich mich jedoch viel mehr mit mir selbst auseinandersetzen. Schon während des Laufes selbst. Immer wieder entscheiden, ob’s noch geht oder eben nicht mehr. Die Verpflegung ändern, ohne in Panik zu verfallen. Weitermachen im Wissen, dass meine Wunschzeit nicht mehr erreichbar ist. Die Kraft nicht verlieren, trotzdem den Lauf zu beenden. Und, eine Toilette zum genau richtigen Zeitpunkt zu finden. Aber auch danach. Abwägen, woran es gelegen hat. Akzeptieren, dass ich nicht auf alles selbst Einfluss nehmen kann. Anerkennen, dass ich erschwerte Umstände hatte. Dennoch stolz zu sein auf meine eigene, persönliche Leistung, auf den Durchhaltewillen, die mentale Stärke. Und schlussendlich das Sehen, dass ich besonders die letztgenannten zwei Dinge vor allem dem Laufsport zu verdanken habe. Dass genau das Dinge sind, die ich erst in den letzten gut anderhalb Jahren gelernt habe, seit ich diesen Sport mache. Und das ist ein Prozess, nichts, das von einem einzigen Lauf kommt. Was ist denn da schon ein nicht optimal gelaufener Wettkampf? Es hätte ja nicht gleich der sein müssen, der mein persönliches Glitzer-Highlight des Jahres ist. Aber auch da: ich kann’s mir nicht aussuchen.

Wir – Schatz und ich – wollten den Lauf gemeinsam bestreiten. Ich muntere ihn jeweils dazu auf, sein Tempo zu laufen. Ich würde ja sein’s laufen, sehr gerne sogar, aber ehm ja, das geht halt nicht *hüstel*. Er wäre einiges schneller als ich. Aber er sieht das als eine unserer grossen Gemeinsamkeiten und etwas, das wir miteinander teilen können. Er wich nicht von meiner Seite, obwohl ich zeitweise wohl das Prädikat „unausstehlich-gäzig“  und an „negativer-Energie-kaum-übertreffbar“ mehr als verdient gehabt hätte. Eine wunderschöne Sache und ein Erlebnis, das uns irgendwie näher zusammengeschweisst hat.

Dem netten Barkeeper dieser herzigen Bar in der Berner Altstadt bin ich unendlich dankbar, für seine schnelle Auskunft und das bedingungslose Zurverfügung-Stellen seines WC’s. Wie zentral wichtig ein WC plötzlich werden kann, wenn die Alternative bedeuten würde, sich vor versammeltem Publikum mitten in der Stadt in die Hose zu kacken, kann ich kaum beschreiben. Ich habe mir den Namen der Bar merken wollen, was mir nicht gelungen ist. Aber ich bin sehr sehr dankbar!

Wie es jetzt weiter geht? Aktuell bin ich kaum in der Lage, eine Treppe alleine hinunter zu laufen *hüstel*. Aber bekanntlich soll der Muskelkater ja schnell wieder weniger werden ;-).

Klar ist für mich, dass ich meine Verpflegungsstrategie mit Riegel überdenken werde. Künftig werde ich Gel’s testen und auf sie setzen. Und meine wirklich chicen Laufschuhe werden allerhöchstens noch für Spaziergänge genutzt. Sie haben sich nicht bewährt für mich und Läufe dieser Länge. Ich werde hier wieder auf „meine“ alte Marke setzen, dort sind meine bisherzigen Erfahrungen ausnahmslos top. Auf jeden Fall bin ich um einige Erfahrungen – auf allen möglichen Ebenen – reicher.

Bestimmt und hoffentlich wird der GP nicht mein letzter Lauf dieser Saison gewesen sein. Auch wenn ich mir während dieses Laufes kurzzeitig die Frage gestellt habe, wie ich mir so etwas nur antun konnte und mir geschworen habe, dem Laufsport den Rücken zu kehren *kicher*. Ob ich bereits für den Frauenlauf im Juni 2017 wieder fit sein werde, wird sich zeigen. Ihr werdet es auf jeden Fall erfahren.

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4 Comments

  1. querdurchdenalltag 19. Mai 2017 at 10:48

    Wow, was für ein Lauf! Gratulation und grossen Respekt für deine Leisung – und auch für deinen Mann.
    Das erinnert mich an den Greifenseelauf Halbmarathon vom September 2014. Meine Frau war den Sommer hindurch Schwanger und so konnte ich gut und viel trainieren für meinen zweiten Halbmarathon überhaupt. Ich fühlte topfit und freut mich enorm auf den Lauf.
    Und dann, zweieinhalb Wochen vor dem Lauf kam unser kleiner Schatz zur Welt. Ich war Papi 🙂 und der Lauf somit totale Nebensache.
    Am Lauftag merkte ich dann nach rund zehn Kilometer brutal, wie rund zwei Wochen die körperliche (Lauf-)Verfassung zunichte machen können. Es folgten meine brutalsten zweiten zehn Kilometer überhaupt. Aber ich wollte es einfach irgendwie schaffen. Und schaffte es auch. Die Zeit war am Ende völlige Nebensache. Einzig die Ziellinie zählte noch.
    Ich musste Lehrgeld bezahlen, habe mich am Start völlig falsch eingeschätzt. Aber das war ein Lauf und beim nächsten sieht es schon wieder ganz anders aus. So wird es auch bei dir sein.
    Also, weiterhin viel Spass beim Laufen – mit hoffentlich wieder bequemen Laufschuehen 😉
    Lg Stefan

    1. runningmami 19. Mai 2017 at 11:10

      Hallo Stefan

      Danke vielmals 😊. Ja gel, ich dachte immer, so zwei Wochen vorher sollte man parat sein. Gut das war ich, nur konnte ich dann leider gar nichts mehr tun. „Beruhigt“ mich zu lesen, dass du ähnliche Erfahrungen gemacht hast.

      Bist du noch aktiv? Den Greiffenseelauf würde ich gerne mal machen. Ob‘ s allerdings schon für den Halbmararhon reicht, ich bin mir nicht sicher . . .

      Und ja, 10 Kilometer können sau lang sein, wenn man eigentlich schon nicht mehr mag.

      Danke für dein Feedback!

      Liebe Grüsse
      Anita

  2. querdurchdenalltag 19. Mai 2017 at 13:29

    Ja, Laufen ist nachwievor ein grosses Hobby von mir und kommenden September starte ich nun schon zum fünften mal am Greifenseelauf. Ein Halbmarathon ist aber stets eine Herausforderung für mich. Die Freude beim Laufen und dann erst recht im Ziel ist aber unbeschreiblich – ausser es läuft wie oben geschrieben 2014… das war aber zum Glück nur einmal und die letzten beiden Male war es einfach nur super 🙂

  3. Kuchen im New York Cheescake-Look - Running-Mami Blog 27. Juli 2017 at 21:36

    […] bin ich im Moment froh, wenn mein Training regelmässig ist und Erfahrungen wie am diesjährigen GP von Bern künftig ausbleiben. Wobei so by the way, es auch einen New-York-Halbmarathon gäbe. Ja, träumen […]

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