Alleinerziehend

Es ist das erste Mal, dass ich darüber schreibe. Ich beginne nun zum dritten Mal diesen Post. Es braucht etwas Mut, denn es zeigt nicht die Stärke, die viele von aussen immer sehen. Es zeigt viel Schwäche und Verletzlichkeit.

Es wühlt in mir

Es wühlt in meinem Kopf, es wühlt noch viel mehr in meinem Herzen und ich weiss gar nicht, wo ich anfangen und wo aufhören soll. Auch nach zwei Jahren noch. Es wühlt. Und das schlechte Gewissen ist zu meinem treuen Begleiter geworden. Auch wenn ich es doch eigentlich besser wissen sollte.

Ich könnte euch erzählen, dass es sich nicht gut anfühlt, wenn ich Sätze wie

Ach weisst du, ich bin eigentlich auch alleinerziehend. Ich muss mich ja sowieso um alles kümmern. Sogar die dreckigen Socken muss ich meinem Mann noch hinterher räumen.

von verheirateten, mit ihren Männern und Kindern unter einem Dach lebenden Frauen höre. Oder solche dieser Art

Ich bewundere wie du das alles schaffst, ich könnte das nicht.

oder

Ah da hast du ja wieder ein ganzes Wochenende frei, schon noch cool.

Und, dass ich dann am liebsten antworten würde

Du hast keine Ahnung, was du da sagst und ich wünsche dir von Herzen, dass du es nie erfahren musst.

oder

Und was glaubst du würdest du tun, wenn dein Mann dir heute Abend offenbart, dass er dich verlässt? Die Frage, ob man es schafft oder nicht ist keine Wahl!

oder

Ja, ich habe frei. Nachdem ich die ganze Woche alleine für die Kinder verantwortlich war. Und ich bin müde und ich hole Schlaf nach. Und ich hole Sport nach und ich unternehme etwas mit meinem Partner, wenn ich die Kraft dazu habe. Und ich vermisse jede einzelne, verdammte Sekunde meine Kinder während dessen. Ich schaue abends in ihre Zimmer, in ihre leeren Betten, die nicht leer sein sollten. Und manchmal weine ich dabei. Es war nie geplant, wieder ein Wochenende frei von meinen Kindern zu haben.

Es ist unwichtig

Dabei ist das alles völlig egal. Ich will mich von solchen Dingen nicht aufhalten oder runterziehen lassen. Weil es mir nichts nützt. Es löst weder Probleme, noch gibt es mir ein besseres Gefühl. Ausserdem glaube ich wirklich, dass Menschen – in der Regel sind es Frauen – die solche Dinge zu mir sagen, meistens beste Absichten haben. Mir wirklich ihre Bewunderung ausdrücken wollen, die vielleicht auch Erleichterung darüber ist, dass sie selbst eine andere Situation haben.  Oder mir signalisieren wollen, dass wir Frauen doch irgendwie alle im gleichen Boot sitzen. Oder einfach auch nur müde sind und die Vorstellung, ein Weekend nur für sich zu haben unglaublich toll klingt.

Kein Mitleid

Und nein, ich will kein Mitleid. Davon habe ich nämlich genau so wenig. Was ich mir wünsche ist Akzeptanz und Vollwertigkeit. Ohne Schuldzuweisung und Wertung. Und am allermeisten wünsche ich mir das wohl von mir selbst.

Es dauert lange

Es dauert lange, bis man den Verlust der eigenen Familie überwunden hat. Jedenfalls bei mir. Manchmal frage ich mich, ob ich irgendwann ganz darüber hinweg komme, diese ursprünglich angedachte Kernfamilie so nicht mehr zu haben. Und ob ich irgendwann aufhören kann, mich schuldig zu fühlen. Ob ich irgendwann mal eines dieser freien Wochenenden unbeschwert geniessen kann. Und ob ich dieses schlechte Gewissen irgendwann überwunden haben werde.

Und dabei schätze ich mich überglücklich, einen neuen Partner an meiner Seite zu haben, durch ihn so viel Unterstützung zu bekommen und ich fühle mich wohl in unserer „neuen“ Familie. Das eine hat nichts mit dem anderen zu tun.

Bin ich alleinerziehend?

Ich fühle mich nicht als jemand Alleinerziehendes. Ich mag das Wort zweierziehend irgendwie. Weil wir beide – mein Ex-Mann und ich  – uns das Sorgerecht teilen. Nicht nur auf dem Papier. Er ist nach der Scheidung nicht zum guten Onkel mutiert, den die Kinder alle zwei Wochen mal kurz sehen oder den sie besuchen gehen. Er ist Vater geblieben. Greifbar, stetig, regelmässig. So gut es sich eben mit unserer einst gewählten Rollenverteilung vereinbaren lässt. Unsere Kinder haben zwei Zuhause, zwei Elternteile. Nach wie vor.

Und manchmal bin ich neidisch

Und trotzdem. Ich gebe es zu und shame on me. Manchmal bin ich neidisch. Auf meinen Ex-Mann. Er kann einfach aufstehen und zur Arbeit gehen. Er hat keinen Stress, wenn Grosser morgens weint, weil er Bauchweh hat. Er ist nicht der, der dann in null-komma-sofort eine Lösung aus dem Hut zaubern muss, um trotzdem noch pünktlich, froh gelaunt, mit sauberen Klamotten und voller Tatendrang im Job zu erscheinen. Er muss nicht warten, bis der Kindergarten beginnt, um dann zuerst Grossen dort hin und Kleinen anschliessend in die Kita zu chauffieren, bevor dann erst der Arbeitstag im Büro beginnen kann. Für den er an einem anderen Tag hat Zeit vorarbeiten müssen, weil er an diesem Tag wegen der Kindergartenöffnungszeit und der Kitaschliesszeit nicht auf seine Soll-Zeit kommt.

Er kann abends einfach heim kommen und hat Feierabend. Während ich oft müde, nürzige Kinder mit gesundem und ab und an ungesundem Essen, das ich vorher noch zubereiten muss, zu verköstigen habe. Sie baden, ihnen eine gute Nacht-Geschichte vorlesen und mir Zeit für sie nehmen muss und will, falls sie noch etwas loswerden möchten. Und das oft, während ich selbst todmüde bin und kurz danach ebenfalls völlig erschöpft ins Bett falle. Er kann einfach so Sport machen, jeden Abend. Oder sich mit jemandem treffen, ohne vorher Himmel und Hölle in Bewegung setzen zu müssen, damit gut für die Jung’s gesorgt ist.

An den zwei Wochentagen, an denen ich nicht arbeite stehen Termine an, vielleicht ein Wocheneinkauf, der Haushalt. Ab und an ein Treffen mit Kolleginnen oder der Familie, für die alle ich ohnehin nicht mehr so viel Zeit habe, seit ich mehr arbeite. Die To-do-Liste ist voll. Wenn er sie am Wochenende zu sich nimmt, gibt es keine Arzttermine, Kindergeburtstagsfeste oder fixe Kindergartenzeiten.

Und doch weiss ich, dass es ihm vermutlich in diesen Zeiten genauso geht, wie mir an den Wochenenden ohne Kinder. Vielleicht fühlt er sich einsam. Er wird die Kinder vermissen, sie werden ihm fehlen und es war so nicht geplant.

Und manchmal bin ich auch neidisch, auf die Frauen, die in einer intakten Ehe leben. Die abends mal die Kinder ohne sich vorher gross organisieren zu müssen, dem Vater überlassen können, wenn sie einen harten Tag hatten. Wo der Papa das Zu-Bettbringen übernimmt, das Baden. Darauf, dass sie regelmässig Sport treiben oder spontan ins Kino gehen können und die Kinder dabei trotzdem von einem Elternteil betreut wissen und nicht extra einen Babysitter, eine Tante oder eine Grossmutter auf den Plan rufen müssen.

Dabei fühle ich mich schlecht. Weil ich doch auf so hohem Niveau jammere. Ich habe einen tollen Partner, der ein toller Bonus-Papa ist. Ich habe Eltern, die mich unterstützen und gute Freundinnen. Dinge, die nicht alle AE’s haben.

Und, es bringt nichts

Und ausserdem, es bringt absolut nichts, sich an solchen Dingen aufzuhalten. Weil es mich nicht weiter bringt. Im Gegenteil. Und dennoch fällt es manchmal unheimlich schwer, gerade wenn ich müde, nicht ausgeruht oder sonst aufgebracht bin und das Gefühl habe, das Universum habe sich vollends gegen mich verschworen. Manchmal reicht ein Ort, ein Geruch, ein Bild oder ein Wort um mich von jetzt auf sofort traurig zu machen.

Bin ich gut genug

Ich frage mich täglich, ob ich gut genug für meine Kinder schaue, ob ich auch wirklich aufmerksam genug bin um zu erkennen, wenn es ihnen vielleicht nicht gut geht und ob ich dann auch angemessen darauf reagieren kann. Ob sie Schaden davon genommen haben, dass wir uns getrennt haben, ich mehr arbeite und sie einen Tag in die Kita gehen. Ob sie irgendwann böse auf mich oder ihren Vater sein würden. Ob man dem die Schuld geben wird, wenn irgendwas mal nicht reibungslos laufen wird. Ob man sie bemitleidet.

Und trotz allem: ich könnte nicht zurück und wenn ich die Entscheidung nochmal treffen müsste, ich täte es genauso wieder entscheiden. Wir haben uns im Guten getrennt, ohne Rosenkrieg, ohne Schlammschlacht. Wir sind eine Familie geblieben, irgendwie. Darüber bin ich froh und dankbar.

Die Kraft

Ich halte mich ganz fest an meiner Überzeugung, dass es kein Grund ist, nur der Kinder wegen zusammen zu bleiben. Was für eine Bürde und Verantwortung wäre es zudem, die man den Kindern da aufladen und abwälzen täte. Für sich und seine Würde einzustehen lohnt sich, so glaube ich, immer. Es geht nicht kampflos, es geht nicht ohne Ängste, aber es lohnt sich. Und es ist ein Prozess. Ich habe da wohl noch ein Stück Weg vor mir. Ich arbeite daran und eines Tages werde ich meinem schlechten Gewissen einen riesen grossen Arschtritt verpassen.

Foto: pixabay

6 Comments

  1. Laura 27. Juni 2017 at 13:01

    Du sprichst mir aus der Seele. Danke! Ich habe mich zu 99,9% wieder erkannt in deinem Text.

    1. runningmami 27. Juni 2017 at 13:49

      Danke für deine liebe Rückmeldung, Laura. Das freut mich sehr!

  2. Caro 1. Juli 2017 at 22:04

    Du hast mich sehr berührt mit deinem Text. Ich kann das so gut fühlen, glaube ich jedenfalls, obwohl ich die Erfahrung bisher nicht machen musste. Egal, ob man sich das Sporgerecht teilt und der Vater weiterhin Vater ist ( das ist ja shconmal super!), die Mutter wird immer den größten Teil tragen. )-;Aber ich vermute, dass ist auch so, wenn man zusammen lebt. Ich kann dir voll zustimmen, dass es nicht der richtige Weg sein kann, dass man nur der Kinder wegen zusammen bleibt. Das habe ich vor allem bei der älteren Generation sooo oft gesehen und dass das ein tolle Leben war, glaube ich nicht… Ich wünsche dir von Herzen alles gute und viel Kraft für all das!

    1. runningmami 1. Juli 2017 at 22:33

      Liebe Caro

      Danke für deinen ausführlichen Kommentar. Ja ich denke, der Löwenanteil der Familienarbeit bleibt oft bei den Müttern hängen. Ich glaube aber, das hängt nicht mit dem Geschlecht, sondern mit noch immer oft gewählten, traditionellen Familienmodellen zusammen. Meist lassen sich die bei einer Trennung nicht ändern und werden weitergeführt. Und bislang sind es immer noch mehrheitlich die Mama’s, die den Beruf ganz oder teilweise aufgeben, wenn Kinder kommen.
      Auch dir wünsche ich alles Gute.

      Liebe Grüsse
      Anita

  3. Plötzlich alleine, wenn kein Stein mehr auf dem anderen ist! 18. Juli 2017 at 11:32

    […] Kürzlich wurde ich mal wieder backgeflasht. Das passiert mir ja oft. Diesmal als die Frage im (virtuellen!) Raum stand, ob das Gefühl kurz nach der Trennung klassischer Liebeskummer sei und die Trennung hinterfragt wurde. Und so hatte es mich: Plötzlich alleine – wenn kein Stein mehr auf dem anderen ist! Backflash! […]

  4. Liebster Award: die Auszeichnung von Bloggenden für Bloggende! - Running-Mami Blog 26. Oktober 2017 at 09:22

    […] Weg gefunden, der im Moment so passt. Ich bin im Blog sehr offen und ehrlich, wie zum Beispiel hier, auch wenn ich dabei nicht jedem und jeder gefalle. Ich musste lernen, das zu […]

Hey! Hinterlasse mir hier deinen Kommentar.