Hunde und Jogging – für einen besseren Umgang miteinander – Teil 2

Ich freue mich unheimlich, euch heute das Interview mit Andrea von dogness.ch vorzustellen. Hunde und Jogging sind ein grosses Thema. Oft kennen Sportlerinnen und Sportler die Angst vor Hunden. Andrea ist Hundetrainerin und spezialisiert auf die Verhaltensbiologie von Hunden. Mit vielen Tipps kann sie helfen, dass sich Joggende und Hundehaltende künftig vielleicht besser verstehen und einen guten Umgang miteinander finden. Auf ihrem Blog könnt ihr ausserdem noch über viele andere, interessante Hundethemen lesen. Den ersten Teil zu dieser Reihe findest du übrigens hier.

Liebe Andrea, du bist Hundetrainerin und selbst Hundehalterin. Woher kommt deine Liebe zu Hunden?

Als ich ein Kind war lebten wir im „Stöckli“ auf einem kleinen Bauernhof. Hunde, Katzen, Pferde, Kühe, Kälber und Hühner begleiteten mich durch meine Kindheit. Wann immer ich traurig war und keinen Menschentrost wollte, vorkroch ich mich zu „Mützi“ dem Hofhund. Ihm vertraute ich alles an und hatte einen Verbündeten gegen den Rest dieser Welt an meiner Seite. Kinderwelten eben. Es war cool und ich möchte diese Erfahrung nicht missen. Ich wurde 30ig Jahre alt, bis ich mir den Wunsch vom eigenen Hund erfüllen konnte und jetzt ist es wieder wie als Kind: Wir, also Willow, Gizmo und ich – im Zweifelsfall gegen den Rest der Menschenwelt (lacht). 

Ich denke, dass Hunde uns das spiegeln, was wir gerne sein würden aber in unserer geschäftigen, überstrukturierten Gesellschaft nicht mehr wirklich leben können. Die rationale Welt lässt sich leichter vergessen, wenn wir Zeit mit Hunden verbringen. Sie zeigen uns die Qualitäten, welche wir aus unserer Kindheit kennen: 

Einfachheit, Einssein mit sich, Unschuld, Direktheit, Spontanität und Natürlichkeit. Sie erden mich und erinnern mich daran, wer ich eigentlich sein will und dass dies ganz einfach umzusetzen wäre. Diese Inspiration bringt mich in Balance, fördert meine persönliche Selbstbildung und lässt mich an mir selbst wachsen.

Angst vor Hunden
Das Bild zeigt Andrea von dogness.ch mit ihrem beiden Hunden auf ihrer diesjährigen Balkan-Rundreise.
In unserer Serie wollen wir die Hintergründe beider Seiten (Hundehaltende und Joggende) sowie Möglichkeiten aufzeigen, wie alle besser miteinander umgehen können. Hast du selbst auch schon eine brenzlige Situation zwischen Joggenden und Hunden erlebt oder beobachtet? Und was dachtest du darüber?

Schon mehrere ungünstige Begegnungen zwischen Joggenden und Hunden habe ich erlebt. Gerade kürzlich auf unserer Abendrunde, über einen nicht vielbegangenen Trail, schoss plötzlich ein Läufer aus dem Wald. Klein Gizmo (3J. alt) ist so erschrocken, dass er den Läufer aus vollster Kehle verbellte. Dieser hat ihn drohfixiert und rannte unfreundlich und verärgert einfach weiter. In der Fremdsprache „Hündisch“ bedeutet drohfixieren (direktes in die Augen schauen) und gerade auf einen zulaufen „Angriff“. Somit entwickelte sich das Fiasko am Waldrand zu einem klischeehaften Klassiker. Jedoch ist diese Eskalation nicht alleine dem Hund zuzuweisen.

Das Problem liegt definitiv in der Kommunikation zwischen Mensch und Hund. Wenn es so abläuft wie oben beschrieben, ist es für beide Seiten eine absolute Negativerfahrung. Viele Hundehaltende reagieren auf solche Erfahrungen mit Meideverhalten, indem sie versuchen Joggende zu meiden. Der reine Gedanke an einen Läufer oder eine Läuferin lässt in ihnen Anspannung entstehen, welche dem Hund sicher nicht entgeht. Hunde sind äusserst feinfühlig und reagieren sofort. Bei solchen Ausweichmanövern könnte es nicht lange dauern, bis der Hund Joggende als Gefahr für seine Gemeinschaft ansieht und bei deren Anblick entsprechend unsittlich reagiert.

Auch Joggende gehen oft in ein Meideverhalten, wenn nicht sogar den Angstmodus über, nach einer uncoolen Hundebegegnung. Ein Hund spürt Unsicherheiten auch bei fremden Menschen und nutzt die Schwäche des Gegenübers allenfalls für seinen Vorteil (der Stärkere im Duell zu sein) aus (von Diplomatie halten Hunde nicht soviel wie wir Menschen!). 

Klar ist es ein grosser Aufwand, einen Hund auf Joggende und Biker zu sozialisieren. Aber Fakt ist, dass uns als Hundehaltende in der Schweiz nicht anderes übrig bleibt. Wir teilen uns diesen kleinen, steilen Alpenraum und es ist definitiv für Frauchen, Herrchen, Hund und Umwelt entspannter, wenn der Vierbeiner gelernt hat mit dem Jogger-Reiz umzugehen.

Ich selbst habe Angst vor Hunden. Diese hat nicht abgenommen, seit ich das Joggen für mich entdeckt habe. Fast immer treffe ich auf meinen Runden auf Hunde und hatte auch schon Situationen, in denen Hunde bellend auf mich zu gerannt kamen, mich verfolgten oder sogar angesprungen haben. Wie verhalte ich mich als Joggerin in solchen Situationen korrekt gegenüber dem Hund, auch um einen Biss oder dergleichen zu vermeiden?

Angst ist schlecht aber natürlich je nach Erlebnissen definitiv nachvollziehbar. Menschen die Angsttendenzen haben, treffen oft auf noch mehr Hunde in ihrem Jogging-Alltag als diejenigen, die keine haben. Die Frage des „weshalb Hunde bei dir Angst auslösen“, müssten wir klären. 

Ein einfacher Trick für alle die Angst haben ist grundsätzlich: bockstill stehen bleiben und in die Ferne zu schauen, sich auf die Atmung konzentrieren und das baldige weiter laufen zu visualisieren. So lässt sich die Anwesenheit des Hundes ausblenden (vergessen/ignorieren). Der Hund ist ein sehr neugieriges Tier und wird den Stehenden abschnuppern, um sich seine Hundemeinung machen zu können. Oft hört man dann schon den Hundehalter oder die -halterin in aufgebrachter Tonlage den Vierbeiner rufen, anstatt ihn zu Ende schnuppern zu lassen und seine persönlichen Emotionen unter Kontrolle zu bringen. 

Nur wenn ein Hund die Erfahrung machen darf, dass Joggende keine Bedrohung sind, können sie das generalisieren und werden sie nach ein paar weiteren positiven Erfahrungen nicht mehr beachten. Einen Hund zu ignorieren und ihm keine verbale Zuwendung zu geben ist eigentlich ein Geschenk an ihn. Denn er kennt das in unserer Gesellschaft kaum noch. Entweder wollen ihn immer alle anfassen und auf ihn einreden oder er kriegt Drohung und negative Gefühle ab. Wir haben so die Möglichkeit, ihm Raum zu geben, um eine positive Erfahrung auf seiner Festplatte zu hinterlassen. 

Vor Kurzem habe ich damit begonnen, die Hundehaltenden zu bitten, die Hunde an die Leine zu nehmen oder sie festzuhalten. Meist sage ich auch direkt, dass ich Angst habe. Dafür muss ich aber immer mein Training unterbrechen. Ist es tatsächlich so, dass Hunde tendenziell eher einen rennenden Menschen angreifen würden, als einen normal Laufenden?

Hunde sind ob gross oder klein Beutegreifer. Rennende Lebewesen können den Jagdtrieb in ihnen auslösen, das liegt in ihrer Natur. Sozialisierte Hunde können in der Regel aber gut mit rennenden Menschen umgehen. Ausser eben, sie erschrecken sich, weil eine Begegnung plötzlich geschieht. Ich denke, wenn du bei einer Hundebegegnung verlangsamst, mit klarem Blick nach vorne gerichtet, in einer nicht ängstlichen Haltung am Hund vorbei läufst, wirst du deinen Kurs sicher schneller fortsetzten können, als wenn du auf das Anleinen des Hundes warten musst. So ersparst du dir auch allfällige unnötige Gespräche mit den Hundehaltenden.

Zudem ist es wichtig, Hunde ein bisschen lesen zu lernen: hat er Kontakt zu seinem Halter oder ist er irgendwo. Ist er jung und voller Energie, selbstbewusst, ängstlich, auf etwas konzentriert wie Schnüffeln am Wegrand und so weiter.

Das Coole an Hunden ist, dass sie nichts von Multitasking halten. Das bedeutet: wenn ein Hund beschäftigt und fokussiert ist, reagiert er eben nicht, weil er sich gerade mit dieser anderen Sache abgibt.

Du hast mir erzählt, dass du deinen Hund soweit hast, dass ihm vorbei joggende Menschen völlig egal sind und er sie ignoriert. Wi lange und wie hast du das trainieren müssen mit ihm?

Mit Willow habe ich lange trainiert und bin immer noch dran. Training mit Hund hört eigentlich nie auf. Genauso wie man nicht mit seiner Jogging Routine aufhört. Im Training geht es darum, die Beziehung zu seinem Tier kontinuierlich zu festigen, dass der Hund mir und meinen Entscheidungen (Führung durch die Welt) vertrauen kann. Ich trainiere also nicht nur meinen Hund sondern gleichzeitig auch mich.

Die eigene Haltung, geistig wie körperlich, wird viel zu wenig thematisiert in der Hundeaubildung. Weil sie den Menschen die unschönen Defizite in der Hundeführung aufzeigen. Ich hatte mit Willow keine andere Wahl als diese Themen aktiv anzugehen oder den Hund wegzugeben. Ja sogar einschläfern zu lassen und das wollte ich nicht. Was ich dabei gelernt und über mich selbst erfahren durfte half mir, meine Persönlichkeit aktiv zu bilden, was anstrengend aber lohnenswert war und immer noch ist. 

Viele Hundehaltende haben einen Hund, aber gehen eigentlich keine wirkliche Verbindung mit ihm ein weil der Hund einfach so zu sein hat wie sie ihn sich wünschen. Einige haben Glück und wählen ein einfaches, pflegeleichtes Exemplar aus. Es gibt aber nicht viele Hunde die einfach von Natur aus „perfekt“ sind, im Gegenteil. Leider sind so viele Hunde in ihrem Alltag masslos gelangweilt und unterfordert. Was geschieht mit uns Menschen wenn wir das sind? Die körperliche und geistige Auslastung seines Hundes ist des Hundehalters oberste Pflicht. Ähnlich wie bei Kindern auch, es ist eine Aufgabe, die sich nicht von alleine erledigt.

Angst vor Hunden
Andrea mit Hund Willow nach bestandener Begleithund-Prüfung im März 2017
Ich bekomme sehr oft von Hundehaltenden zu hören: „er macht nichts, nur keine Angst“. Mit dieser Aussage kann ich sehr wenig anfangen. Sie nimt mir auch die Angst nicht. Wie verhalten sich Hundehaltende richtig in solchen Situationen?

Wenn du wie ich einen „schwierigen“ Hund führst, lernst du die Menschen und die Umgebung aufmerksam zu beobachten. Ich musste aus jeder Situation eine Trainingseinheit für meine dissoziale Hündin kreieren, damit sie nach und nach das von mir gewünschte, verlangte Verhalten lernen konnte. Bei mir läuft das aktive Führen des Hundes mittlerweile automatisch ab. Zum Beispiel auf rücksichtslose, verärgerte, ängstliche, unsichere Annäherungen von Menschen reagiere ich mit Raum schaffen und geben. Ich gehe zur Seite und übe zum Beispiel eine Kurzsequenz aus der Begleithunde Kür. Wie vorab bereits erwähnt reagieren Hunde auf negatives Gedankengut. Das von der fremden Person werden sie eher ertragen, wenn ich mich nicht aufrege. Ich mag mit unausgeglichenen Menschen nicht über ihre Wut, belanglosen Sorgen diskutieren, deshalb ziehe ich mich aus der „Schusslinie“ zurück, grüsse freundlich und gehe weiter meinen Weg. Das überträgt sich auf den Hund. Ignorieren und etwas endschleunigen funktioniert eben nicht nur bei Hunden. Wie oft bedanken sich Biker, Joggende, Hundeskeptiker bei mir, nur weil ich ihnen Raum durch Zurückhaltung gebe und wir so eine tolle Begegnung miteinander erleben. 

Fast zum Schluss habe ich noch eine vom Joggen unabhängige Frage. Meine Kinder haben grosse Freude an Tieren. Ich lasse sie nie Hunde streicheln, ohne dass wir uns vorher die Erlaubnis der hundehaltenden Person einholen. Worauf ist im Umgang zwischen Kind und Hund, gerade wenn sich Kind und Tier nicht kennen, noch zu achten?

Erlaubnis einzuholen bei der hundehaltenden Person ist super und für mich ein Muss. Ich erlebe hier in der Tourismusdestination Grindelwald oft, dass Eltern ihre Kinder einfach auf Hunde zugehen lassen. Dann passiert eben genau das, was vielen Hunden Angst macht. Das Kind ist so fasziniert und läuft auf direktem Weg mit fixiertem Blick auf den Hund zu. Für Hunde ist das höchst bedrohlich und ich beobachte oft, wie sie ihre klassischen Beschwichtigungssignale geben. Diese Signale setzt der Hund ein, um eine Situation zu entschärfen, sprich dem Gegenüber zu zeigen, dass er nicht an einer Auseinandersetzung interessiert ist. Werden diese Signale vom Gegenüber nicht beachtet, setzt oft ein Warnknurren ein. Sollte das vom Menschen auch ignoriert werden, könnte der Hund allenfalls ein Abwehrschnappen zeigen, wenn er sich eingeengt fühlt und nicht die Möglichkeit zur Distanznahme hat. Ein Hund, der im Freilauf ist und weggehen kann tut dies in der Regel, wenn ihm eine Situation zu viel wird. Sie mögen keine einengenden Umstände. 

Wir haben im Kanton Bern täglich rund 20 Beiss/Schnappunfälle. Viele von ihnen geschehen zur Zeit bei Familienhunden und Kleinkindern. Eltern müssen Kinder im Umgang mit Hunden anleiten. Kinder benötigen und suchen Regeln und Grenzen. Verantwortungsvolle Eltern lehren ihren Kindern generell einen artgerechten Umgang mit Tieren. Artgerecht bedeutet für mich, den Hund auf einen zukommen zu lassen, ihn nicht einzuengen und ihn nicht mit zu vielen menschlichen Zuneigungsgesten zu überhäufen.

Angst vor Hunden
Das Bild zeigt Andreas Hunde im wundervoll, verschneiten Berner Oberland.
Abschliessend würde ich gerne wisschen, was du Menschen mit Angst vor Hunden grundsätzlich mit auf den Weg geben und empfehlen würdest?

Angst blockiert, engt ein, ist ein stressiger und unschöner Zustand. Egal welche Angst, wir sollten versuchen ihr die Macht über uns zu nehmen oder wenigstens zu minimieren. 

Den Hund zu ignorieren, auf die eigene Atmung achten und ein Ziel in der Ferne zu visualisieren hilf wirklich sehr. Trotzdem wird dies allein nicht ausreichen, um die Angst definitiv zu überwinden.

In meiner bisherigen „Hündelerlaufbahn“ konnte ich vielen Menschen helfen, ihre Angst vor Hunden abzulegen. Natürlich setzt dies den Willen des Ängstlichen, sich seiner Angst zu stellen voraus. Ich habe diese Menschen einfach auf eine Spazierrunde mitgenommen, ihnen viele Fragen zu ihrem Leben gestellt. Somit waren sie abgelenkt vom Hund. Sobald sie lockerer wurden begann ich ihnen die Kommunikation der Hunde zu erläutern und plötzlich war Angst ersetzt durch Interesse und Verständnis. Wenn der ehemals Ängstliche dann noch bereit ist den Hund an der Leine zu führen und mit ihm die eine oder andere Unterordungsübung zu absolvieren, inklusive „Gudeligabe“, dann ist der Grundstein für eine Hunde-Angst-Freie-Zukunft gelegt. 

Liebe Anita, ich lade dich herzlich ein mit mir und meinen Hunden Joggen zu gehen. Deine Joggingwelt wird sich total verändern und Du wirst Freude an Hundebegegnungen entwickeln, versprochen. Was meinst Du?

Ich bedanke mich ganz herzlich bei dir – liebe Andrea – für das tolle Interview, die wertvollen Tipps und den Einblick in dein Leben. Und sehr gerne nehme ich deine Einladung zu einer gemeinsamen Joggingrunde mit dir und deinen Hunden an. Ich freue mich schon darauf!

Und ihr werdet dann bestimmt hier im Blog darüber lesen können ;-).

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