Zeit für einen Abschied

Jeden Tag sterben Menschen. Dass auch irgendeinmal wir als Familie von jemand Geliebtem Abschied nehmen müssen, ist sonnenklar. Umso mehr, als dass wir das grosse Glück, noch Urgrossmütter und -väter zu haben, kennen. Der Tod ist irgendwo präsent, wenn man Menschen jenseits der 80 Jahre kennt.

Manchmal trifft’s jemanden in der Nachbarschaft, die Familie von guten Freunden, den Arbeitskollegen und jetzt halt eben uns. Manchmal können wir Abschied nehmen. Manchmal müssen wir eine Weile mit einer traurigen Gewissheit leben, ohne zu wissen, wann der Zeitpunkt „X“ genau kommt. Manchmal kommt es ganz plötzlich und unerwartet. Manchmal rechnen wir nicht mit der Heftigkeit, mit der es uns trifft.

Und dann kommt noch etwas anderes. Wenn man Eltern geworden ist, betrifft es nicht mehr nur einen selbst. Das Verstecken der Tränen hinter einer Sonnenbrille klappt nicht mehr. Denn da sind die Kinder. Kinder, die zum ersten Mal in ihrem Leben eine solche Erfahrung machen. Wie erzählen wir ihnen davon? Wie werden sie reagieren? Sollen wir sie schützen? Gehören Kinder auf eine Beerdigung? Wie erklären wir ihnen die Abstraktheit dieser Situation, die wir selbst ja nicht abschliessend verstehen? Was für Antworten haben wir auf ihre Fragen? Und was glauben wir eigentlich selbst?

Wieder einmal lehren mich das Leben und vor allem meine Kinder. Nämlich dass ich mich mit mir selbst auseinander setzen muss, um es ihnen erklären zu können. Ich merke, dass ich sie nicht schützen kann. Auch wenn ich es wollen würde, ich kann ihnen Erfahrungen dieser Art nicht vorwegnehmen. Aber ich kann entscheiden, wie ich damit umgehe.

Es betrifft die Familie meines Ex-Mannes. Eine Familie, die auch mal meine war. Eine weitere Hürde, die wir als geschiedene Eltern zu meistern haben. Wie verhält man sich denn da? Schreibe ich eine Karte für die Trauerfamilie? Auf dem Leidzirkular sind wohl meine Kinder namentlich erwähnt, direkt unter dem Papa. Ich jedoch, gehöre nicht mehr dazu. Bin kein „echter“ Teil mehr dieser Familie. Dennoch bin ich die Mama unserer beiden Kinder, die gerade ihre Grossmutter verloren haben. Ich kann sie damit nicht alleine lassen. Das geht nicht. Egal welche Hürde ich dafür zu nehmen und über welchen Schatten ich dafür zu springen hätte. Es sind meine Kinder! Eine abstruse Situation.

Auf einmal stellt das Leben Anforderungen, mit denen nicht gerechnet wurde. Und einmal mehr zeigt es mir, dass Trennungen niemals Privatsache sind. Jedenfalls nicht, wenn Kinder involviert sind.

Ich höre auf mein Herz. Handle intuitiv, ohne gross nachzudenken. Ich rede mit meinem Ex-Mann. Wir finden zusammen Lösungen und den Weg, der richtig ist. Für uns. Egal was jemand anderes sagt oder denkt.

Wir sind offen und ehrlich mit den Kindern. Wir erzählen ihnen, an was wir glauben. Wir erklären, was wir denken, wo das Grossi nun ist. Und wir sagen ganz oft „ich weiss es nicht“. Und hie und da schlucken wir trotz aller Offenheit, die ich uns selbst immer bei solchen Dingen zuspreche, leer. Auf Fragen, was denn der Unterschied zwischen Körper und Seele ist und warum denn das Grossi verbrannt wird, was eine Beerdigung ist und warum ich weine, bin ich wirklich nicht so richtig vorbereitet gewesen. Noch eine Sache, die man als Eltern nicht einfach kann, nur weil man jetzt Eltern ist.

Die Kinder zeigen mir auf ganz einfache Weise, wer ich bin. Ich kann mich keiner Trauer, Wut oder sonstigen Gefühlen hingeben. Ich muss mich mit meinen Kindern darüber unterhalten. Eins zu eins. Gefühle verdrängen haut nicht hin, Stellung beziehen heisst die Devise. Und zwar auch zu den unangenehmen Fragen. Für sie und schlussendlich auch für mich.

Kinder gehen pragmatischer an die Sache heran. Nach der Frage, ob denn das Grossi Krebs bekommen habe, weil ein Krebs es gebissen hat, kommt gleich die Frage, ob denn jetzt endlich die Mittagszeit vorbei sei und draussen gespielt werden dürfe.

Und ich lächle. Ich küsse meinen Grossen auf die Stirn und sage ihm, er soll sich warm anziehen bevor er raus geht, weil der Sommer vorbei ist.

 

Beitragsbild: pixabay.com – besten Dank.

2 Comments

  1. Claudia 19. September 2017 at 14:43

    Tut mir sehr leid was passiert ist. Viel Kraft dir und deiner Familie. Gut geschrieben. Ich war glücklicherweise noch nicht in dieser Situation, aber irgendwann wird es auch uns treffen…. Alles Gute Euch.
    Lieber Gruss Claudia

    1. runningmami 20. September 2017 at 10:51

      Vielen Dank dir, liebe Claudia.

      Grüsse
      Anita

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