Eine 2-fach-Mama erzählt: Job/Familie/Beruf und das mit der easy Vereinbarkeit

Nein, es ist nichts Spezielles mehr, wenn eine Frau, die auch Mutter ist, ihren Beruf weiterhin ausüben, vielleicht sogar Karriere machen will. Vereinbarkeit wird heute gross geschrieben und mit den ab und an fallenden Sprüchen, die es auch im Jahr 2018 noch gibt – ächt jetzt !?! – können die meisten Working-Moms irgendwie umgehen. Sonst hat sich aber nicht viel getan oder anders gesagt, es gibt noch zimli Luft nach Oben. Frauen sind diejenigen, die den Grossteil der Care Work auch weiterhin stämmen. Die Statistik zeigt: Frauen übernehmen 62% des gesamten unbezahlten Arbeitsvolumens (Quelle: BFS, Familien in der Schweiz, statistischer Bericht 2017). Nebst ihrem Job natürlich. Und sehen sich dabei oft mit hohen gesellschaftlichen Anforderungen konfrontiert. Was das im im real Life wirklich heisst?

Eine 2-fach-Mama erzählt ihre Geschichte:

Denise ist 33 Jahre alt. Sie lebt zusammen mit ihrem Partner und dem gemeinsamen Tochter-Baby in einer Mietwohnung. Eigentlich. Ihr Job erfordert es, dass sie spezielle Arbeitszeiten leisten muss. Sie arbeitet 60% seit der Geburt. Eigentlich wollte sie 40%. Dazu war ihr Arbeitgeber nicht bereit. Genauso, wie er nicht bereit war, ihr eine längere Auszeit als die gesetzlich vorgeschriebenen 14 Wochen zu ermöglichen. Sie hat eine gute Ausbildung, ist Prokuristin, hat sich zur Fachfrau im Finanz- und Rechnungswesen weitergebildet, hätte Potenzial für Karriere. Die Arbeit aufzugeben, kommt nicht in Frage. Also fügt sie sich. Die ersten zwei Wochen im Monat arbeitet sie 80%. Die dritte Woche 40% und die vierte gar nicht. So will es der Job. Die ersten beiden Wochen jedes Monats lebt sie der Einfachheit halber mit dem Tochter-Baby bei ihren Eltern. Sie hüten, damit sie arbeiten kann. Einmal im Monat packt sie also für zwei Wochen die Koffer. Die Sachen der Baby-Tochter und ihre eigenen, inklusive Businessoutfits. Morgens, abends und nachts kümmert sie sich um ihre Tochter, bei ihren Eltern, dazwischen arbeitet sie. Nach den zwei Wochen geht sie nach Hause zu ihrem Partner. Dort packt sie aus, wäscht, kommt an. In der dritten Woche verbringt sie nur noch eine Nacht bei ihren Eltern. Ab und zu schaut der Papa zum Tochter-Baby, wenn sie arbeitet. Er ist im Schichtdienst als Arzt tätig. Das bekommen sie dann irgendwie aneinander vorbei jongliert. Die vierte Woche geniesst sie daheim und erholt sich, so gut es mit einem Baby eben geht. Erledigt Dinge, die zu Hause erledigt werden müssen, schmeisst den Haushalt. Das ganze dauert ein halbes Jahr an. Dann wird es ihr zu viel. Sie kann nicht mehr. Sie erzählt es ihrem Arbeitgeber, kann auf 40% reduzieren und regelmässiger arbeiten.

Das ist mittlerweile 6 Jahre her

Denise sitzt da, vor ihr eine Tasse Kaffee, und erzählt. Das Tochter-Baby ist kein Baby mehr und gerade im Chinzgi. Zwischen durch steht sie auf, kümmert sich liebevoll um ihren Sohn, er ist gerade ein Jahr alt geworden. Er isst momentan für zwei, sagt sie und gibt ihm eine Banane. Sie hätten gerne einen kürzeren Abstand zwischen den Kinder gehabt, aber es komme halt oft nicht so, wie man wolle, lächelt sie. Ich merke ihr an, dass das eine sehr anstrengende Zeit gewesen sein muss. Sie seufzt, weisst du, fragt sie mich, wie schön es mein Partner hatte? Er hatte einfach zwei Wochen pro Monat seine Ruhe. Zwei Wochen, in denen sie einen unglaublichen Job machte.

er hatte einfach zwei Wochen pro Monat seine Ruhe . . .

Die Familie

Vor zwei Jahren sind sie ins Eigenheim mit grossem Garten gezogen. Die Tochter wird jetzt schulergänzend durch eine Kita betreut, der Sohn durch ihre Eltern und die Kita. Einmal pro Monat, wenn sie arbeitet, schläft er bei seinen Grosseltern. Alleine. Wäre das doch nur auch bei der Tochter schon möglich gewesen, sagt sie. Ihre Eltern hätten es damals nicht angeboten und sie sich nicht getraut zu fragen, sie sei da eher zurückhaltend und schüchtern. Den Haushalt und das Familienmanagement schmeisst sie komplett alleine. Ihr Partner zeige daran kein Interesse, sagt sie. Wenn es darum gehe, die Weihnachtskarten für seine Familie zu schreiben, meine er nur, sie solle das doch tun, sie sei ja grad im Flow und könne das sowieso besser, erklärt sie mir. Auch bei der Gartenarbeit picke er sich mehrheitlich die Rosinen heraus, obwohl das einmal anders abgemacht gewesen sei. Er hat mittlerweile eine eigene Praxis. Wenn er abends heim kommt, sei er oft müde. Zu müde, um mit ihr noch über ihren Tag zu sprechen oder sich ihre Probleme anzuhören. Sie könne es schon verstehen, sagt sie, seine Tage seien anstrengend und er höre sich als Arzt vieles an. Er sei ein Lieber, betont sie, aber er sehe die Dinge halt einfach nicht. Eine Trennung würde für sie nichts verändern, glaube sie. Sie hätte nicht mehr oder weniger Verantwortung. Ausser, dass es natürlich finanziell einen Einfluss haben würde. Sie sei jedoch nicht der Typ, der gleich die Flinte ins Korn werfe. Ausserdem sei die Kleinkindzeit einfach anstrengend und fordere viel. Das werde auch wieder besser. Zeit für sich hat sie wenig. Möglich wäre es schon, sagt sie. Ab und an gehe sie gerne mit einer Freundin tanzen. Aber es sei selten geworden.

der Haushalt und das Kids-Management, geht voll auf meine Kosten

Die Jobsituation

Ihre Jobsituation verschlechtert sich stetig, seit sie Mama geworden ist. Trotz ihres grossen Einsatzes und trotzdem, es laut Denise kein Problem wäre, diese Aufgaben auch in Teilzeit erfüllen zu können. Ihr werden Kompetenzen entzogen, die Penumsreduktion wird zum Anlass genommen, einen Grossteil ihrer Zuständigkeiten in eine andere Filiale zu delegieren und ihr Verantwortungen abzusprechen. Sie muss für eine Zeit lang einmal pro Woche von Basel nach Genf reisen, um dort das Personal einzuarbeiten. Dann folgt die zweite Schwangerschaft. Diesmal kann sie ihren Mutterschaftsurlaub verlängern, Ferien dranhängen. Dennoch springt sie zwischendurch, auch während des Mutterschaftsurlaubes, ein. Ihr Arbeitgeber bittet darum, sie kann und möchte nicht nein sagen. Ihr Job ist ihr nach wie vor wichtig.

Seit sie aus dem Mutterschaftsurlaub zurück ist, muss sie viel schlucken. Die Pause hat der Arbeitgeber zum Anlass genommen, wieder unregelmässige Arbeitszeiten zu fordern. Ihr Vorgesetzter hat wenig zwischenmenschliche Fähigkeiten, kontrolliert sie. Der neue Team-Kollege behandelt sie wie eine blutige Anfängerin. Weisst du, sagt sie wieder, ich habe ihn damals eingearbeitet und jetzt behandelt er mich wie ein Nichts!

Denise macht einen taffen, wachen Eindruck. Eine Mama mit Leib und Seele. Das Haus ist aufgeräumt der Garten ordentlich, auch wenn sie das selbst anders sieht. Manchmal sieht es hier drinnen aus, als ob eine Bombe eingeschlagen hätte, manchmal schreie ich die Kinder an und der Garten wartet schon lange auf seine Vollendung, lacht sie.

Kapitulation vor der Vereinbarkeit?

Sie hat übrigens gerade ihren Job gekündigt. Mit dem Einkommen ihres Partners kommen sie gut über die Runden. Jetzt mache sie erst mal eine Pause, erzählt sie. Es sei ihr einfach alles zu viel. Ich frage sie, ob es Kapitulation vor dem überall immer zunehmenden Druck, dem Vereinbarkeitsspagat und dem alles unter einen Hut bringen ist. Denise bejaht diese Frage klar. Sie werde sich spätestens nächstes Jahr wieder eine neue Stelle suchen, meint sie. Sie sei nicht verheiratet, das hätten sie irgendwie verpasst, de facto könne sie es sich gar nicht leisten, nicht zu arbeiten. Ausserdem will sie Mutter sein und arbeiten.

 

4 Kommentare

  1. Manuela Huber 15. Februar 2018 at 12:30

    Wenn ich das lese macht es mich traurig. Ich erkenne mich wieder, habe jetzt einen anderen Weg eingeschlagen. Zuvor Teilzeit gearbeitet und alles gemanagt bis ich ausgebrannt war.

    Weniger ist mehr und unsere Kleinen das wichtigste. Ich arbeite nicht mehr, mach mir keinen Kopf was morgen ist (habe ich lange gemacht, es kommt wie es kommt) und geniesse das hier und jetzt. Wir alle sind glücklich und ausgeglichen wie noch nie. Es ist auf das ganze Leben gesehen eine kurze Zeit mit den Kindern und so wertvoll. Ich will ihnen kein Vorbild sein das ständig am Limit läuft.

    1. runningmami 15. Februar 2018 at 12:49

      Liebe Manuela

      Danke für dein Feedback. Es freut mich sehr! Ich glaube, so wie dir und eben auch Denise geht es vielen Mamas. Und das ist sehr schade. Es ist schön zu lesen, dass auch du eine für dich und euch stimmige Lösung gefunden hast. Geniesse diese Zeit. Schade ist, dass es oft zu Lasten des Wunsches von Müttern geht, selbst eben auch arbeiten zu wollen. Und selbst wenn das die Lösung mit blauem Auge wäre, können sich das viele gar nicht leisten. Wir (die Gesellschaft) haben da noch viel Arbeit vor uns, bis dies wirklich gelingt. Und zwar richtig, nicht mit Müttern, die ständig ans Limit oder darüber hinaus gehen müssen.
      Alles, alles Liebe für dich! Herzlich Anita

  2. Angela 15. Februar 2018 at 13:07

    Hallo Aanita,
    es macht mich traurig und wüten zu gleich. Hier in Deutschland dürfn wir Frauen bis zu drei Jahre Elternzeit nehmen, die auch in Teilen oder 50%/50% von beiden Elternteilen genutzt werden kann. Dennoch bleibt die Ungerechtigkeit. Wenn frau eine Karriere anstrebt wird sie diese Auszeit nicht nutzen und noch geknebelt was die Arbeitszeiten angeht.

    Dazu kommt der Druck von Außen. Geht Frau arbeiten, ist sie eine schlechte Mutter, bleibt sie daheim heißt es. „wie? du gehst nicht arbeiten?“

    Wofür entscheidet sich eine Mutter um sich selbst, ihre tiefsten Wünsche und Bedürfnisse nicht zu vergessen? Kann sie tatsächlich nur einem Traum folgen?

    Ich befürchte, solange die Chefetagen und Regierungen von hauptsächlich „alten“ Männern gebildet werden, wird sich daran nicht viel ändern und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf bleibt für Frauen eine Farce.

    Liebe Grüße
    Angela

    1. runningmami 15. Februar 2018 at 13:26

      Liebe Angela

      Ja, da hast du wahrscheinlich Recht. Die Zeit arbeitet wohl für uns. Umso wichtiger, dass wir Eltern – egal ob von Jungs oder Mädels – unsere Verantwortung ernst nehmen, vorleben und nicht aufgeben. Auch dann, wenn’s schwer ist. Denn sie werden die Chefs und Chefinnen von morgen sein.
      Lieben Dank für dein wertvolles Feedback und alles Liebe für dich.
      Herzlich Anita

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