Burnout und Mutterschaft: wenn Mama nicht mehr kann

Jana schlendert zwischen Küche und Wohnzimmer hin und her. Mal wieder, es ist Gewohnheit geworden. Regelmässig geht sie ins Bett und steht zwei Stunden später wieder auf. Macht sich einen Tee, auf dem gross das Wort Entspannung steht. Schaut auf die Uhr. Kurz vor Mitternacht. Sie ist todmüde. Am Morgen klingelt der Wecker. Sie muss arbeiten. Schlafen kann sie trotzdem nicht. Ihre beiden Kinder schlummern friedlich. Im Moment. Sie weiss nicht, wie die Nacht wird. Ihr jüngstes Schätzi schläft selten durch, braucht sie oft mehrfach in der Nacht. Der Schlafentzug hält bereits über Jahre an. Ein Tablettli liegt vor ihr, es würde helfen, doch soll sie? Die machen abhängig. Hat man ihr gesagt. Ihre Bewegungen sind schwerfällig und erinnern eher an jene einer alten, gebrechlichen Frau. Dabei ist sie jung, sportlich und achtet auf ihre Ernährung. Ihr Umfeld sagt, sie sei eine Powerfrau. Eine Träne rinnt über Janas Wange, sie schüttelt den Kopf.

Sie ist eine von ihnen . . .

Jana sitzt mir gegenüber auf dem Sofa, ihre Beine zugedeckt. Trotzdem friert sie. Seit Kurzem weiss sie es. Sie ist eine von ihnen. Eine der vielen Mütter, die eine Burnout-Diagnose mit beginnender Depression erhalten haben. Schon lange läuft sie am Limit, ignoriert deutliche Warnsignale ihres Körpers. Erzählt den meisten Leuten, es gehe ihr gut und lächelt fröhlich, wenn man sie fragt. Sie sagt, etwas anderes wollten die Menschen ohnehin nicht hören. Niemand habe Zeit oder überflüssige Energie für andere. So sei das heutige Leben, es sei wahrscheinlich nicht mal böse Absicht oder Egoismus. Sie sei da selbst auch nicht besser. Und grossartige Alternativen, als zu funktionieren, habe sie keine. Auch nicht, wenn sie jammere. Eigentlich habe sie ja alles. Gesunde Kinder, eine glückliche Partnerschaft, ein schönes Zuhause und das Geld reicht gut zum Leben. Doch trotzdem: das ständige unter Strom stehen, das nicht mehr endende Herzrasen, der Druck auf der Brust, die Schlaflosigkeit, das Ruhelossein, die ständig wechselnden Launen, die vielen Tränen. Der Schwindel, die Übelkeit, die Kopfschmerzen, die Konzentrationsschwierigkeiten und die Traurigkeit ohne Grund. Das alles hat jetzt offiziell einen Namen.

Burnout und Mutterschaft: wenn Mama nicht mehr kann / Bild by boram von Unsplash
Überraschend und doch erwartet: eine Burnout-Diagnose

Viel zu viel

Sie erzählt mir, dass die letzten Jahre sehr anstrengend waren. Nach der Trennung von ihrem Ehemann nahm der Druck ernorm zu. Ihr Körper habe das gut ausgehalten, sie habe sich sogar im Sport verbessert, mehr trainiert, als je zuvor. Ein trügerischer Schein. Die deutlichen Signale ihres Körpers – ein geschwächtes Immunsystem und häufige Verletzungen – ignorierte sie perfekt.

Der Druck auf die Seele, der sei kaum auszuhalten, sagt Jana. Finanzielle Ängste, Zukunftsängste, abnorme Verantwortungen alleine auf ihren Schultern. Dazu die zwei treuen Begleiter: das schlechte Gewissen und die Müdigkeit. Sie veranstalten regelmässig zusammen Parties in ihrem Kopf. Der Druck komme von aussen und innen, räumt Jana ein. Sie erwarte von sich viel und wisse nicht, wie sie das ändern könne. Spüre aber auch, dass ihr grosse, gesellschaftliche Erwartungen entgegenschlagen. Sie habe das Gefühl, abliefern und beweisen zu müssen. Ständig. Insgeheim wolle sie einen perfekten Haushalt, immer besser werdende sportliche Leistungen, eine gute Freundin, eine ansprechende Partnerin, eine liebe Tochter und eine leistungsfähige Arbeitnehmerin sein. Und vor allem: eine gute Mutter. Ihren Kindern soll es an nichts fehlen und niemand soll sagen können, sie seien bemitleidenswert, weil die Eltern sich getrennt haben, sagt sie.

Schlussendlich: Probleme bei der Arbeit

Das alles wurde viel zu viel. Als dann schliesslich noch Probleme am Arbeitsplatz dazu kamen und stetig schlimmer wurden, wurde die Situation zunehmend erdrückend. Die Arbeit sei immer eine Insel gewesen, erzählt Jana. Sie arbeite gerne, möge ihre Aufgaben und die Verantwortungen. Sie sei sehr motiviert und bereit, viel zu leisten. Doch auf einmal wurde die Arbeit zur Bürde, zur unausweichlichen Notwendigkeit und die Angst, es wieder nicht Recht machen zu können und möglicherweise den Job zu verlieren wurde zur grossen, zusätzlichen Last. Um sich zu wehren, fehlte ihr die Energie. Weisst du, sagt sie, ich hielt es für einfacher, die Füsse still zu halten und zu spuren. Dafür musste ich mich aber selbst und meine Überzeugungen verraten. Und gebracht hat es nichts.

Was wäre wenn

Heute sagt Jana klar, würde sie aus dem Erwerbsleben aussteigen, wenn sie noch mit dem Vater ihrer Kinder zusammen wäre und es sich darum finanziell leisten könnte. Nicht, weil sie es für richtig hält, dass Frauen ihre Arbeit aufgeben, um Mutter zu sein. Das Gegenteil ist der Fall. Sondern weil sie einfach nicht mehr kann. Nur vorübergehend, sagt sie. Die Mehrfachbelastung erdrückt sie, die Sache mit der Vereinbarkeit eine grosse Lüge für sie. Sie hat es jetzt sogar schwarz auf weiss: sie hat eine Diagnose. Und ein Herz, das ihr ständig in rasendem Zustand signalisiert, wie gestresst ihr Körper ist.

Sogar der Ausgleich wird zum Leistungsfaktor

Nebst all der Belastungen, der Verantwortungen und den Ängsten, begann sie immer mehr, immer häufiger und immer intensiver zu trainieren. Wenigstes ihren Sport, den wollte sie sich nicht nehmen lassen. Auch wenn es oft Stress bedeutete, sich dafür Freiräume zu erkämpfen. Dort auf ihre guten Leistungen zählen und sich ihre me-time einfordern, war ihr wichtig. Anstatt immer besser zu werden und den nötigen und wichtigen Ausgleich zu finden, wurde sie immer schlechter, es wurde immer mühsamer und nach dem Training hatte sie Schmerzen und Muskelkater. Die Freude am Sport litt.

Und jetzt, tut’s weh

Der Chlapf kam bei der Arbeit. Unvorhergesehen. Jana sass an ihrem Schreibtisch. Zwei-einhalb Stunden später sass sie noch immer da, leer, ohne auch nur irgendetwas berührt zu haben. Dem Weinen nah, komplett überfordert.

Sie nahm den Telefonhörer in die Hand und vereinbarte sofort einen Termin bei Ihrer Hausärztin. Meldete sich bei ihrer Kollegin ab.

Jana steht an Anfang ihres Auswegs aus dem Burnout. Es macht sie traurig und zerreisst sie innerlich, ihre Kinder für die Zeit eines Klinkaufenthaltes kaum sehen zu können. Sie fragt sich, wie sie das verstehen werden und natürlich schmeisst ihr schlechtes Gewissen die Jahrhundert-Party in ihrem Schädel. Sie ist wütend, sehr wütend. Das spüre ich. Scham und Gefühle des Versagt-Habens begleiten sie. Nicht einmal im Sport kann sie sich zur Zeit auspowern und Energie tanken, weil sie auch dort ihren Körper zu sehr ausgebeutet hat.

Der Lichtblick

Mein grosses Glück ist meine Familie, sagt Jana und lächelt das erste Mal. Sie helfen mir, betreuen meine Kinder, während ich weg bin und geben ihnen den Halt, den sie brauchen. Ohne sie, sagt sie, hätte ich kaum noch eine Chance.

Sie muss nun Schritt für Schritt zur Ruhe, zurück zu sich finden. Und dann zu allem anderen.

 

Du bist auch betroffen von Burnout oder vermutest es? Hier findest du Hilfe:

  • Kontaktiere den/die Hausärztin/Hausarzt als erste Anlaufstelle.
  • Unter Burnout-Info Schweiz, gibt es viele Informationen, Erklärungen und weitere Anlaufstellen und Tipps.
  • Das Buch einer ehemals betroffenen Mutter „Wenn Mama nicht mehr kann“, gibt es zum Beispiel hier zu kaufen.

 

Beitragsbild: by Christian Newman von Unsplash

4 Kommentare

  1. Angela 1. April 2018 at 15:01

    Danke für diesen Beitrag, liebe Anita,
    es ist erschreckend wie viele Mütter betroffen sind. Gerade zu Beginn der Abwärtsspirale könnte frau noch gut Gegensteuern. Die Signale werden aber, wie du geschreiben hast, ignoriert. Die Tränen, das Ausgelaugt sein, die Müdigkeit werden vorm Partner und dem Umfeld versteckt, so dass diesen auch VIEL zu spät auffällt, dass etwas aus dem Ruder läuft. Es scheint leichter zu sein weiterhin die perfekte Rolle zu spielen, als sich mit der ganzen Dramatik zu offenbaren. … Zudem wird uns Müttern oft genug gezeigt wie perfekt wir doch sein müssten. Job, Kids, Parnterschaft und Haushalt …alle schaffen es nur ich nicht, ist die Denke. Ich finde es ist ein schleichender Prozess, denn bis wir Mütter merken, dass uns die 24/7 Kümmer-Nummer zu viel ist, wir NICHT mehr können und vielleicht auch wollen, stecken wir mitten drin. Haben uns selbst verloren und finden den Weg nicht mehr zurück! Bis der Leidensdruck so groß wird, dass es uns vollständig aus der Bahn wirft und wir uns, unsere Blickwinkel, unsere Meinungen über Kids, Job und Partnerschaft verändern MÜSSEN.
    Meine tägliche Motivation ist es daher, JEDER Mutter ein Hilfsmittel an die Hand zugeben, mit der sie relativ leicht für ihre seelische Gesundheit sorgen kann.

    1. Anita 1. April 2018 at 15:37

      Liebe Angela

      Da hast du sehr Recht. Magst du deine Gruppe bei Facebook verlinken? Du hast ja ganz viele solcher Hilfsmittel zu bieten. Das kann vielleicht dem ein oder anderen Mami eine gute Stütze sein. Lieben Dank für dein tolles Feedback. Herzlich, Anita

  2. Kampf den Brösmeli in meiner Küche: batmaid.com - Running-Mami Blog 18. Mai 2018 at 07:10

    […] mit der Zeit und dem Vereinbarkeitsspagat und dem Bock-Haben, hüstel, wäre. Trotzdem sind die zu hohen Ansprüche an ein schönes und sauberes Daheim da. Was erklärt, weshalb mein Staubsauger – aufgrund […]

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