Unschooling – eine sinnvollere Form des Lernens?

Die öffentliche Schule bekommt’s auch in der Schweiz öfters mal mit ein bizi oder ein bizi mehr Kritik zu tun. Zu starr, zu veraltet, zu wenig realitätsnah. So, einige kritische Stimmen. Ein „Projekt“, das Wirtschafts-Soldaten (und Soldatinnen – immerhin gälled) züchtet. So, einige noch kritischere Stimmen.

Tanja und Roger haben sich gemeinsam und sehr bewusst entschieden, ihre Kinder nicht auf eine (öffentliche) Schule zu schicken. Sie haben sich für eine Form des Unschooling entscheiden. Die Kinder sollen dabei frei und intuitiv lernen.

Im Interview hat Tanja mit mir über ihre Motiviation, Ängste, Wünsche und Hintergründe gesprochen.

Liebe Tanja, du und Roger habt euch entschlossen, eure Kinder nicht auf eine Schule zu schicken. Ihr seid eine Unschooler-Familie. Was sind eure Gründe?

Liebe Anita, wir haben das Gefühl, dass das Schulsystem in der Schweiz sehr veraltet ist und wenig Sinn macht. In den Erstweltländern haben wir so viele Möglichkeiten, um an Wissen zu kommen, da braucht es aus unserer Sicht keine Schulen.

Wir glauben daran, dass Kinder nicht nur das Laufen und Sprechen aus intrinsischer Motivation lernen, sondern alles andere, was sie brauchen, ebenfalls.

Es ist sehr unnatürlich, dass in der Schule erwartet wird, dass alle Gleichaltrigen die gleichen Interessen haben und im Lernen gleich weit sein sollen. Wir finden es unnatürlich, fast alles nur theoretisch zu lernen. In Schulen fehlt meistens der Bezug zur Sache. Ohne Zusammenhang ist Lernen sehr schwierig, bis unmöglich und zudem sehr langweilig.

Weshalb müssen Kinder, die von Natur aus sehr lebendig sind, in ein Schulzimmer eingesperrt werden und Stunden lang brav hinter ihren Pulten sitzen? Kleine Kinder bräuchten unserer Meinung nach eher eine zwei zu eins, als eine eins zu zwanzig Betreuung.
Die Interessen von Menschen sind sehr unterschiedlich so wie auch ihre Art, zu lernen. Wir sehen keinen Grund zur Verallgemeinerung, so lange es anders möglich ist.

Nur was mit Interesse und Begeisterung gelernt wird, ist nachhaltig. Das sehen wir an dem, was uns von unserer eigenen Schulbildung geblieben ist. Wenn wir ehrlich sind, ist das ein ganz kleiner Teil und dieser Teil ist wohl eher aus der Studiumszeit, wo wir mitbestimmen konnten, als aus der Grundschule. Und sonst handelt es sich um Basics, die man in ein bis drei Monaten im Alltag gelernt hätte, für welche die Schule Jahre aufwendet (schmunzelt).

Machst du dir manchmal Sorgen darüber, dass eure Kinder abgeschottet von der Welt aufwachsen könnten? Erzählt ihr ihnen davon, dass andere Kinder zur Schule gehen?

Überhaupt nicht, denn wir sind viel unterwegs und haben auch oft Besuch. Die Kinder sehen viel Unterschiedliches. Uns ist wichtig, dass sie nach und nach verstehen, wie unsere Gesellschaft funktioniert, welche Unterschiede es gibt und dass nicht alles heile Welt ist.

Unsere Kinder haben Freunde, welche die Staatsschule besuchen. Wir erzählen ihnen, was die Schule ist und wie sie funktioniert und natürlich bekommen sie auch unsere Ansicht der Schule mit.
Wir sind nicht grundsätzlich gegen die Schule. Wenn eines unserer Kinder eines Tages in die Schule gehen möchte, darf es diese Erfahrung auch machen. Wir werden es in dieser Erfahrung begleiten und mit ihm zusammen die Erlebnisse reflektieren.

Wie habt ihr euch innerhalb der Familie organisiert: Wer geht arbeiten? Wer betreut die Kinder? Wer schmeisst den Haushalt und wer kümmert sich um den Garten?

Wir arbeiten beide sehr viel. Die Kinderbetreuung und der Haushalt liegt vorwiegend bei mir. Daneben arbeite ich zirka 50% für unseren Onlineshop und die anderen Angebote von www.naturnahleben.ch. Die laufende Gartenarbeit liegt vorwiegend bei mir. Grössere Erneuerungen oder anstrengendere körperliche Arbeit erledigt in der Regel Roger. Roger arbeitet als selbständiger Softwareentwickler. Sein Pensum liegt zwischen 20% und 140%. Je nach Auftragslage und Lust. Daneben renoviert er zur Zeit mit seinem Vater zusammen unser Hausdach und hilft bei den Onlinshoparbeiten mit. Die Kinder dürfen meistens mithelfen, wo sie können und Lust haben. Gerade bei handwerklichen Arbeiten sind sie gerne dabei.

In der Schweiz steht Unschooling gesetzlich noch auf wackeligen Beinen, in einigen Kantonen ist es gar nicht möglich. Welche Voraussetzungen müsst ihr dafür erfüllen? Gibt es viele Berührungspunkte mit Behörden?

Im Kanton Bern ist es sehr einfach, eine Bewilligung für „privaten Unterricht“ zu erhalten. Diese Bewilligung können alle Eltern beantragen. Das Einzige, was man braucht ist eine Lehrperson, die einem beratend zur Seite steht. Offiziell muss man den Lernplan einhalten, was zumindest in der Grundschule für uns auch ohne Unterricht einfach erscheint. Es lohnt sich offen mit dem zuständigen Schulinspektor zu sein. Weiter hilft, wenn man informiert ist und genau weiss, was man wieso macht, sprich, sich auch mit Lernmethoden, den Funktionen des Gehirns und unschooler-Projekten und Persönlichkeiten auskennt, sowie mit der Entwicklung der Kinder.

Wir sprechen in der Familie oft über unsere Lernkonzepte, was wir für wichtig und was wir für weniger wichtig erachten. Im Moment haben wir z.B. das Projekt „Französisch“ am laufen. Ich werde bald mit den Kids einen einmonatigen Sprachaufenthalt in der Westschweiz machen. Darüber haben wir den Schulinspektor informiert. Er fand dies ein unterstützenswertes Projekt und sah es als adäquaten Ersatz für das Wörtchen-Büffeln.

Ihr lebt auf einem tollen Bauernhof ausserhalb eines Dorfes, habt viel Natur ringsum, einen grossen Garten und sogar Wald. Die perfekten Voraussetzungen für Unschooling. Sicherlich jedoch auch eine Art zu leben, die für viele Familien aus finanziellen oder auch organisatorischen Gründen so nicht möglich ist. Vom Platzangebot pro Familie ganz abgesehen. Glaubst du, dass das Unschooling-Modell massentauglich wäre oder müsste sich dazu die Gesellschaft gänzlich verändern?

Ja, ich glaube, dass das Unschooling-Modell bereits massentauglich ist. So unterschiedliche Menschen in so unterschiedlichen Situationen und auch Wohnlagen führen es aus.

Die einen in der Stadt, die andren auf dem Land und weitere auf Reisen. Für Unschooling braucht es weder viel Platz noch viel Geld.

Wir besitzen ein renoviertes Bauernhaus mit 1.5 Hektaren Wiesenland und einer halben Hektare Wald. Selbst sind wir keine Bauern und wir halten auch keine Tiere. Für uns ist es der richtige Platz. Die Kinder haben viele Gelegenheiten, bei handwerklichen Tätigkeiten zu zusehen und mitzumachen. Zudem erleben sie hautnah, was es alles braucht, bis man Gemüse, Kräuter, Beeren und Früchte ernten kann.

Uns ist das naturnahe Leben wichtig. Mein Mann ist sehr gerne Zuhause etwas am Erschaffen. Ich bin auch gerne Zuhause aber ebenso gerne unterwegs. Ich habe gerne soziale Kontakte, mache gerne Ausflüge und liebe den Tapentenwechsel. Ferien mache ich mit den Kids öfters alleine. Unsere Ferien sind aber immer sehr günstig und ausgewählt. Mir ist es wichtig, dass die Urlaubsorte sehr kinderfreundlich sind. Ich mache oft in der Schweiz Ferien, da ich weite Reisen nicht kindgerecht finde.

Unschooling
Roger mit den beiden Kindern

Andere Familien funktionieren anders und haben andere Prioritäten. In jeder Familie haben die Kinder Möglichkeiten, zu lernen. Das Lernen bei grösseren Kindern findet aber in unseren Augen nicht zwingend nur in der Familie statt. Wir unterstützen es sehr, wenn sich unsere Kinder Mentoren und Mentorinnen suchen und sich von begeisterten Person inspirieren lassen. Denn z.B. bezüglich Musikmachen, haben wir als Eltern kaum Ressourcen. Da sind wir froh, wenn die Kinder dies von begeisterten Musikern lernen. Sofern das Interesse für Musik dann auch mal da ist.

Unschooling
Es gibt viele Formen des Lernens für Tanjas Kinder

Es gibt bestimmt Familien, bei denen es für die Kinder fast unmöglich wäre, frei zu lernen. Weil vielleicht viele andere Probleme vorhanden sind. Wir sind jedoch der Meinung, dass Unschooling in ca. 80% der Familien möglich wäre, wenn sich die Familien damit auseinandersetzen würden und das auch wirklich wollten. Es braucht sicher ein gewisses Engagement und natürlich das Vertrauen, dass es der richtige Weg ist.

Bei euch spürt man, dass ihr 100%ig hinter dem steht, was ihr tut und das mit vollem Einsatz. Seid du und Roger ebenfalls in einem solchen Umfeld aufgewachsen? Gibt es manchmal Unsicherheiten oder Ängste?

Nein, was die Schule angeht und auch sonst, sind wir ziemlich durchschnittlich aufgewachsen. Ich auf dem Land, Roger in einer Stadt. Bisher haben wir weder Unsicherheiten noch Ängste, was das Unschooling angeht. Es gibt so viele Gerüchte, was man müsse und nicht dürfe bezüglich „privatem Unterricht“. Es braucht Energie, sich selbst zu informieren und sich selbst darum zu kümmern, was jetzt wirklich für unsere Familie gilt und welchen Spielraum wir haben.

Wir haben kürzlich unseren Schulinspektor eingeladen, um unsere Fragen zu klären, die sich in den letzten zwei Jahren, seit seinem letzten Besuch, angesammelt hatten. Nicht auf alle Fragen gab es eine Antwort. Es war ein entspanntes Gespräch und der Inspektor war mit uns sehr zufrieden. Wie es dann sein wird, wenn unsere Kinder etwas älter sind, werden wir sehen. Da wir aber sehr interessierte und aktive Kinder haben, gibt es keinen Grund Angst zu haben, dass sie nicht zur ihrer Bildung kommen. Uns ist eine gute Bildung sehr wichtig, diese werden sie dank Unschooling erhalten. Wir möchten, dass unsere Kinder ihren Interessen nachgehen und nachhaltig lernen können. Dazu hätten sie nebst der obligatorischen Schule viel zu wenig Zeit.

Wir tun immer etwas, wir bieten Möglichkeiten wie Ausflüge, Projekte und Lager. Wir stellen die Wohnung um und tauschen unsere Bücher sowie Spielmaterialien oder andere Gegenstände aus. Unsere Kinder sollen in einer anregenden Umgebung aufwachsen. Sie haben immer unterschiedliche Möglichkeiten, wo sie mitmachen können oder womit sie sich beschäftigen möchten. Es gibt auch viel Platz für Erholung, Verarbeitung und einfach nur zum Sein. Oft sieht man das eigentliche Lernen von aussen nicht. Plötzlich können sie etwas Neues oder erzählen von etwas, von dem wir gar nicht wussten, dass sie es wissen. Es ist sehr interessant zu zusehen, wie wissbegierig unsere Kinder sind. Sie brauchen ganz andere Dinge zum Lernen, als die Schule bieten kann. Wir kontrollieren bewusst das Wissen unserer Kinder nicht und finden es sehr komisch, wenn z.B. Verwandte finden, dass sie unseren Kindern aktiv etwas beibringen müssen.

Unschooling
Spielen – vielfältig und veränderbar

Wir vertrauen so sehr darauf, dass alles von selbst kommt. Unsere Kinder müssen nicht das selbe Interesse haben wie wir und wir haben auch nicht den Anspruch, dass wir über alles, was sie wissen wollen, selbst Bescheid wissen müssen. Wir geben ihnen lediglich Hilfestellung, wie sie zu ihrem gewünschten Wissen kommen.

Du hast mir erzählt, und das kann ich sehr gut nachvollziehen, dass Kinder aus Unschooler-Familien tendenziell oft in kreativen oder musikalischen Berufen anzutreffen sind. Glaubst du, bestehen für eure Kinder dieselben Chancen auf dem Arbeitsmarkt, wie für Kinder, die eine herkömmliche Schule besucht haben?

Ja ich glaube, dass unschooler Kinder mindestens die gleichen Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben, wenn nicht sogar die Besseren. Arbeitgebende wollen nicht 1’000 Chemielaborantinnen oder Bäcker, die das selbe Wissen haben. Sie wollen den einen oder die eine, der oder die anders denkt, innovativ ist, aus innerer Motivation arbeitet, genau weiss, was ihm oder ihr liegt und was nicht. Viele Schüler und Schülerinnen geben irgendwann auf und wissen nicht mehr, was sie eigentlich interessiert. Weshalb arbeiten wohl die meisten Erwachsenen nicht lange auf ihrem erlernten Beruf? Weshalb gibt es so viele Quereinsteiger? Weshalb sind viele nicht wirklich glücklich mit dem Beruf, den sie ausüben?

Uns ist es egal, ob unsere Kinder mit 14 Jahren in die Berufswelt einsteigen möchten oder erst mit 20 Jahren. Wir wünschen ihnen, dass sie eine Arbeit finden, die sie erfüllt und mit der sie für ihren Lebensunterhalt und ihre Familie sorgen können. Ich denke in zehn bis zwanzig Jahren wird es viele Berufe, die es heute gibt nicht mehr geben, weil sie einfach nicht mehr gebraucht werden. Dafür wird es viele andere Berufe geben, die wir heute noch gar nicht kennen.

Für uns macht es keinen Sinn, unsere Kinder auf etwas vorzubereiten, das dann gar nicht mehr existieren wird, wenn sie erwachsen sind. Die Frage, „was möchtest du einmal werden?“, finden wir sowieso sehr kurios. Unsere Kinder sind bereits. Ich denke, die meisten frei aufwachsenden Kinder werden nicht den Weg einer Lehre oder eines Studiums wählen, um in die Berufstätigkeit einzusteigen. Ich gehe eher davon aus, dass sie im Verlaufe des Teenageralters oder im jungen Erwachsenenalter irgedwie innovativ einen eigenen Weg finden, in die Wirtschaft einzusteigen. Oder das System so hinterfragen, dass sie eher einen Weg wählen, der sehr wenig mit der korrupten Wirtschaft zu tun hat. Eher so Richtung Selbstversorgung und Unabhängigkeit, wie wir es tun. Auch unsere Kinder werden vermutlich irgendwie einmal ihre Grenzen suchen und auf Reisen gehen oder sich ganz anders ernähren, als wir es ihnen mitgegeben haben. Dies finden wir nicht weiter schlimm, denn wir glauben daran, dass eine gute Basis wichtig ist und sie spätestens, wenn sie selbst eine Familie gründen, sich daran erinnern werden, wie frei sie aufwachsen konnten.

Wir glauben daran, dass Unschooling der beste Weg für uns und unsere Familie ist. Ob es wirklich der „richtige“ Weg ist, weiss niemand. Das weisst du auch mit der Schule nicht, denn sonst würde es nicht so viele Schulabgänger und -abgängerinnen geben, die den Berufseinstieg nicht oder nur auf vielen Umwegen finden.

Wir wissen was wir tun und warum wir es tun, dies hilft uns sehr in unserem Vertrauen zu bleiben. Für uns stimmt es im Moment so, wie wir es machen. Dies kann sich zu jeder Zeit ändern, denn das Leben bleibt auch bei uns im Fluss. Wir haben immer wieder die Möglichkeit, zu reflektieren und neue Entscheidungen zu treffen. Ich bin sehr gespannt wo wir in zehn oder in zwanzig Jahren stehen.

Liebe Anita besten Dank für dein Interview.
Wer mehr über uns erfahren will, kann sich auf unserer Webseite www.naturnahleben.ch umsehen und unser Facebookseite Naturnahlebench liken.

Fotos: © Tanja Britt, www.naturnahleben.ch

Zum Thema:

Hier gibt es einen Film von TeleBasel zum Thema Unschooling, mit Einblick in den Familienalltag zweier Unschooler-Familien aus Basel.

Bei Anyworkingmom.com wurde kürzlich die heilige Kuh geschlachtet – Kritik an der Schule.

Und hier wurde beim Mamablog das Unschooling kritisch beäugt – Abschottung durch Unschooling?

Meine eigenen Erfahrungen mit dem Thema Schule findet ihr, bisher in eher wenig kritischer Form, hier zum Chinzgi und hier zum Schuleintritt.

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